Juraklausuren verbessern – ohne 100 Übungsklausuren zu schreiben

Wenn du deine Juraklausuren verbessern möchtest, ist “einfach mehr Übungsklausuren schreiben” meist nicht der beste Weg. Grundsätzliche Fehler in deiner Klausurbearbeitungstechnik schaltest du nicht dadurch ab, dass du denselben Fehler 100 Mal machst.

Besser ist es, deine Übungsklausuren gezielt zu analysieren und Verbesserungspotentiale in deiner Klausurbearbeitung zu identifizieren. Wenn du deine Schwächen so kennengelernt hast, kannst du sie dir gezielt abtrainieren.

Denk einmal an einen Vergleich zum Sport:

Wenn unsere Nationalelf für die Weltmeisterschaft trainiert, würde sie auch nicht einfach Freundschaftsspiel an Freundschaftsspiel reihen, noch dazu ohne bestimmtes Trainingsziel für die einzigen Spiele. Ein Trainer, der so etwas machen würde, wäre wohl nicht lange in seinem Job.

Stattdessen trainieren Fußballmannschaften gezielt einzelne Fähigkeiten, wie etwa Dribbeln, Schießen und Pass-Spiel. Und wenn sie dann mal ein Trainingsspiel spielen, dann mit vorher festgelegten Übungszielen, z.B. einem Fokus auf der Manndeckung oder auf dem Spielaufbau.

Genauso solltest du an deine Juraklausuren herangehen.

Schreibe lieber ein paar Übungsklausuren weniger, aber analysiere diese ganz systematisch und arbeite dann gezielt an deinen Schwachstellen.1 Sonst kommst du schnell in die Situation, dass du dutzende von Übungsklausuren schreibst, dich aber nicht substanziell verbesserst.

In diesem Beitrag zeige ich dir, wie du deine Juraklausuren richtig analysierst und effektive Trainingsziele für deine Übungsklausuren festlegst:

1. Analysiere deine Übungsklausuren auf 4 Ebenen

Eine effektive Klausuranalyse darf sich nicht auf das Arbeitsprodukt “ausformulierte Klausurlösung” beschränken. Das machen leider die meisten Korrektoren. Aber dann weißt du nur, dass das Endprodukt nicht gut genug ist, nicht aber warum.

Wenn du deinen Stärken und Schwächen in Juraklausuren wirklich auf den Grund gehen willst, musst du schon bei der Klausurbearbeitung ansetzen. Du schaust dir damit quasi den Herstellungsprozess der Klausur an, um Optimierungspotentiale zu finden.

a) Zeitmanagement-Analyse

Ein ganz zentraler Bestandteil deines Klausurerfolgs ist dein Zeitmanagement. Selbst wenn du mit einer Klausur fertig geworden bist, ist damit nicht gesagt, dass du nicht deutlich besser abgeschnitten hättest, wenn du mehr Zeit für die Argumentation bei den Klausurschwerpunkten gehabt hättest.

Deshalb sollte eine Zeitmanagement-Analyse in Zukunft standardmäßiger Bestandteil deiner Übungsklausuren sein.

Notiere dazu bei jeder Übungsklausur, wie viel Zeit du auf welche Arbeitsschritte verwendet hast. Verwende zum Festhalten der Zeiten eine Tabelle wie diese:

Bearbeitungsschritt    Aufgewendete Zeit in Minuten
Erfassen des Sachverhalts 
Erstellung der Lösungsskizze zur Zulässigkeit 
Erstellung der Lösungsskizze zur Begründetheit 
Ausformulieren der Zulässigkeit 
Ausformulieren der Begründetheit 

Die hier beispielhaft dargestellten Klausurteile wie „Zulässigkeit“ und „Begründetheit“ passen natürlich nicht auf alle Klausuren. Stattdessen könnten es z.B. auch heißen „Strafbarkeit des A“ und „Strafbarkeit des B“, „Ansprüche aus Vertrag“ und „Ansprüche aus Delikt“ etc., je nachdem in welche Teile sich die Klausur sinnvoll aufteilen lässt.

Damit du das entsprechend anpassen kannst, habe ich die Zeit-Tabelle hier als Word Dokument online gestellt, das Du bearbeiten und ausdrucken kannst.

Nach dem du deine Klausur mit der Lösungsskizze abgeglichen hast oder Deine Korrektur zurückbekommen hast, nimmst du die Zeit-Aufzeichnung zur Hand und analysierst deine Klausurbearbeitung vor dem Hintergrund der Zeiteinteilung.

Korrekturempfehlungen oder der erste Eindruck können nämlich zu oberflächlich sein: Lautet der Hinweis des Korrektors etwa, du hättest an entscheidenden Schwerpunkten nicht tief genug argumentiert, denkt man schnell: OK, ich muss meine Argumentationstechnik üben.

Möglicherweise beherrschst du die juristische Argumentationstechnik aber eigentlich wunderbar, und dir hat nur die Zeit gefehlt. Das wahre Problem lag dann vielleicht darin, dass du zu viel Zeit auf das Erfassen des Sachverhalts, die Lösungsskizze oder die Zulässigkeit verwendet hast.

Was du in diesem Fall trainieren oder wo du noch mehr lernen musst, ist das Erfassen des Sachverhalts, die Lösungsskizze oder die Zulässigkeit, nicht die materiellen Probleme oder die juristische Argumentationstechnik.

Deine Zeitmanagement-Analyse hilft dir, solche Dinge zu erkennen und bei deinem Training die richtigen Schwerpunkte zu setzen.

Außerdem merkst du so mit der Zeit, wie du deine Zeit in gelungenen Klausuren aufgeteilt hast und entwickelst so nach und nach ein Gefühl dafür, wie lange Du für jeden Schritt brauchen solltest. Deshalb ist es wichtig, auch Deine guten Klausuren gründlich zu analysieren.

Hilfreich kann auch sein, solche Zeitmanagement Tabellen mit anderen Studenten zu vergleichen, idealerweise für dieselbe Klausur.

b) Stolperstein-Analyse

Schreibe dir außerdem direkt nach dem Beenden der Übungsklausur ein paar Notizen, was du an der Klausur schwierig fandest, wo deine Unsicherheiten und Stolpersteine lagen, wo du hin- und her überlegt hast, wo es gehakt hat.

Das Ziel dieser Stolperstein-Analyse ist, „Common Themes“ zu finden, also Schwierigkeiten, die bei verschiedenen Übungsklausuren immer wieder auftauchen.

Wenn du z.B. 10 Übungsklausuren geschrieben hast und in 5 Klausuren steht in der Stolperstein-Analyse:

  • „war unsicher, wo ich den Schwerpunkt setzen sollte“,
  • „wusste nicht, ob ich mich für Rechtsprechung oder herrschende Lehre entscheiden sollte“ oder
  • hatte am Ende keine Zeit mehr“,

dann kannst du daraus ableiten, dass du in Zukunft das Erkennen von Schwerpunkten, die Streitentscheidung oder das Zeitmanagement besonders trainieren solltest.

Je nachdem in welchem dieser Bereiche deine Stolpersteine liegen, ergeben sich völlig unterschiedliche Auswirkungen auf Dein weiteres Klausurtraining:

  • Wenn du das Erkennen von Schwerpunkten trainieren willst, nimmst du am besten eine große Menge von Klausuren, überlegst, wo die Schwerpunkte liegen, und gleichst deine Überlegung mit der Lösungsskizze ab. Die Klausuren musst du dazu weder komplett durchlösen noch ausformulieren.
  • Wenn du hingegen dein Zeitmanagement trainieren willst, musst du Klausuren tatsächlich komplett durchlösen und ausformulieren.

c) Lösungsskizzen-Analyse

Neben deinen Zeitmangement-Aufzeichnungen solltest du auch deine Lösungsskizzen immer aufheben. Wenn du ein paar Übungsklausuren geschrieben hast, schaue dir deine Lösungsskizzen von guten und schlechten Übungsklausuren an. Findest du Unterschiede?

Auch bei Lösungskizzen kann es übrigens hilfreich sein, diese mit Kommilitonen auszutauschen und so andere Herangehensweisen kennenzulernen.

d) Analyse der ausformulierten Klausurlösung

Natürlich solltest du dir auch die Anmerkungen der Korrektoren zu deiner ausformulierten Klausurlösung anschauen und sie mit der offiziellen Lösung vergleichen.

Aber höre da nicht auf: Schaue dir auch mal mit etwas Abstand bewusst eine gelungene und eine nicht so gelungene von deinen Übungsklausuren im Vergleich an. Fallen dir hier Unterschiede auf? Kannst du diese Unterschiede vielleicht sogar mit Unterschieden in der Lösungsskizze oder im Zeitmanagement in Verbindung bringen?

2. Merze deine Schwachstellen mit gezieltem Training aus

Als nächstes musst du konkrete Handlungen entwickeln, mit denen du deine typischen Fehler in Zukunft vermeidest und Schwachstellen ausbesserst.

a) Erstelle eine Liste mit persönlichen Klausurregeln

Erstelle dir dazu zuerst auf Basis deiner Analysen eine Liste mit persönlichen Klausurregeln.

  • Wenn du in deinen schwächeren Übungsklausuren z.B. nicht ausreichend Schwerpunkte gesetzt hast, markiere in Zukunft immer schon in der Lösungsskizze die Schwerpunkte der Klausur, bei denen du richtig tief argumentieren wirst.
  • Wenn du bei unbekannten Normen mehrmals den „Clou“ überlesen hast, setz dir als Regel, unbekannte Normen in Zukunft immer zwei Mal und extra langsam zu lesen.

Schaue dir zur Inspiration auch gerne das Beispiel meiner eigenen 19 Klausurregeln an.

b) Setze Dir vor jeder Klausur ein konkretes Trainingsziel

Überlege außerdem, wie Du bestimmte Bereiche in Zukunft trainieren kannst.

  • Wenn Du z.B. zu viel Zeit mit Sachverhaltserfassung und Lösungsskizze verbringst, dann solltest Du in der nächsten Zeit möglichst viele Klausuren einfach nur skizzenhaft durchlösen ohne sie auszuformulieren.
  • Wenn deine Lösungsskizzen zu ausführlich sind, musst du gezielt üben, sie kürzer zu halten. Dabei kann unter anderem helfen, ein System von Abkürzungen zu entwickeln, aber auch das muss eintrainiert werden.
  • Wenn dir mehrmals unsauberer Gutachtenstil vorgeworfen wurde, kannst du bei den nächsten Klausuren darauf besonders achten.

Behalte deine Schlussfolgerungen aber nicht nur als gute Vorsätze im Kopf, sondern setze dir in Zukunft vor jeder Klausur ein ganz bestimmtes Trainingsziel.

  1. Möglichst schnelles Erfassen des Sachverhaltes
  2. Erstellen einer möglichst knappen Lösungsskizze
  3. Möglichst gute Schwerpunktsetzung
  4. Richtig in die Tiefe zu gehen, wenn es darauf ankommt und MASSIV abzuladen.
  5. Möglichst saubere Argumentation mit der juristischen Methodik
  6. Umgang mit unbekannten Normen und Problemen
  7. Möglichst gutes Zeitmanagement
  8. Möglichst schnelle Bearbeitung der Zulässigkeit
  9. Möglichst intensive Arbeit mit dem Sachverhalt

Als positiver Nebeneffekt hilft die Definition ganz konkreter Trainingsziele vor jeder Klausur dir auch, deine Übungsklausuren als Übungstool statt als „Test“ oder „Glaskugel für Deine Examensnote“ zu sehen.

Dadurch gehst du Übungsklausuren automatisch entspannter und motivierter an (dazu im Detail mein Artikel bei Examensritter zum Stress durch „schlechte“ Übungsklausuren). 

Quellennachweise:

  1. Leistungspsychologen nennen das „Deliberate Practice“. Deliberate Practice meint das gezielte Trainieren bestimmter Fähigkeiten und das planmäßige Ausmerzen von Schwächen, anstelle des bloßen Anhäufens von Erfahrung. In der Leistungspsychologie ist inzwischen weithin anerkannt, das Deliberate Practice Voraussetzung für wirklich herausragende Leistungen ist (siehe etwa K. Anders Ericsson PhD, Deliberate Practice and Acquisition of Expert Performance: A General Overview).

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