Jura-Lernstrategien vom Profi – Interview mit Dr. Matthias Schulz vom Zentrum für Juristisches Lernen der Bucerius Law School

Lernstrategien der Jura-Elite

Die Bucerius Law School macht immer wieder Schlagzeilen mit herausragenden Examensergebnissen. Sie gilt als Kaderschmiede erfolgreicher Juristen. Ein wesentlicher Erfolgsfaktor dürfte dabei jene Law-School-interne Einrichtung sein, die ihre Studenten im juristischen Lernen und Klausurenschreiben schult: Das Zentrum für Juristisches Lernen (ZJL).

Normalerweise spielt sich die Arbeit des ZJL hinter verschlossener Tür ab. Der Unterricht des ZJL in juristischem Lernen und Klausurenschreiben ist den Studenten der Bucerius Law School vorbehalten. Schließlich zahlen sie auch einen stolzen Preis für das Studium.

Trotzdem kannst du jetzt von dem Wissen des Lernzentrums profitieren. Denn Dr. Matthias Schulz, langjähriger Mitarbeiter des ZJL, gewährt im Exklusivinterview mit Juratopia Einblicke in die Lernstrategien, welche Studenten und Absolventen der Bucerius Law School so erfolgreich machen.

Lucas Kleinschmitt: Herr Dr. Schulz, vielen Dank, dass Sie sich Zeit genommen haben. Wie lange arbeiten Sie schon beim Zentrum für Juristisches Lernen der Bucerius Law School?

Dr. Schulz: Ich bin seit 2010 beim ZJL tätig. [Anmerkung von Lucas: Das Interview findet am 25.04.2014 statt.]

Lucas Kleinschmitt: Können Sie zum Anfang kurz etwas über die Arbeit des ZJL erzählen?

Dr. Schulz: Zum einen gibt es die Klausurenklinik. Dort analysieren wir mit Studenten ganz gezielt ihre Examensklausuren und geben individuelle Tipps zur Verbesserung. Dann organisieren wir die Examensvorbereitung. Dafür haben wir hier ja extra ein einjähriges Programm. Und schließlich schulen wir die Studenten ganz gezielt im juristischen Lernen. Dazu bieten wir Kurse an, coachen Studenten aber auch ganz individuell. Besonderen Wert legen wir dabei auf die Vermittlung effektiver Methoden. Außerdem betreiben wir rechtsdidaktische Forschung.

Lucas Kleinschmitt: Die Law School investiert also – da muss man ja kein Blatt vor den Mund nehmen – ziemlich viele Ressourcen in die Vermittlung juristischer Lerntechniken. Das ist doch sicher kein Zufall. Warum ist die richtige Lerntechnik bei Jura so wichtig?

Dr. Schulz: Weil kein Mensch diese ganzen Stoffmengen einfach auswendig lernen kann. Wir hatten einmal als Vorbereitung für einen Lernkurs alle Unterlagen eines typischen Studenten gesammelt, da kam eine ganze Schubkarre voll mit Papier zusammen. Das muss man sich vorstellen: Ein Lehrbuch zu jedem wichtigen Fach, mehrere Skripten pro Fach, Mitschriften, vielleicht noch Unterlagen vom Repetitor usw. Außerdem ist im Studium das „freie Lernen“ noch neu und der erste Test, bei dem es wirklich drauf ankommt alles zu wissen, ist das Erste Examen.

zu viel Stoff bei Jura

Dein Schreibtisch kurz vorm Examen? (© Erwin Wodicka/Shotshop.com)

Man bekommt für seine Lerntechnik in der Regel ja auch kein Feedback, wenn man nicht selbst aktiv wird. Jura ist insofern ein unfaires Fach, als dass der entscheidende Punkt erst ganz am Ende kommt, nämlich im Studium mit dem Ersten Examen. Das heißt, wenn ich falsch lerne, merke ich es oft erst, wenn es für das Erste Examen schon zu spät ist. Das führt dazu, dass die Leute eigentlich erst beim Einstieg ins Referendariat wirklich wissen, ob ihr Lernen funktioniert. Dort ist dann der Zeitdruck nur noch größer und stellt noch höhere Anforderungen an die Lerntechnik. Deshalb ist es so wichtig, sich möglichst früh mit der richtigen Lerntechnik zu beschäftigen und sie im Referendariat weiterzuentwickeln und an den steigenden Zeitdruck und die veränderten Klausuranforderungen anzupassen.

Die häufigsten Fehler

Lucas Kleinschmitt: Was sind Ihrer Erfahrung nach die häufigsten Fehler, die angehende Juristen bei der Examensvorbereitung machen?

Dr. Schulz: Nicht mit Klausuren zu lernen ist wohl der größte Fehler. Hier ist es wichtig, dass Studenten früh erkennen, dass Ihre Noten nicht gut genug sind, obwohl sie viel gelernt haben und sich gerade nicht selbst belügen. Dann kann man meistens gut gegensteuern. Man sollte aber nicht erst 4 Monate vor den Klausuren zum ersten Mal systematisch mit Klausuren lernen.

Ein weiterer Fehler ist die fehlende Priorisierung. Wenn Studenten mit Problemen zu mir kommen, schaue ich mir deshalb gern auch ihre Lernaufzeichnungen an. Das ist sehr nützlich, weil ich in den Kopf der Studenten schwer reingucken kann, in ihre Aufzeichnungen aber schon. Teilweise werden dort unwichtige Sachen stark ausgebreitet und wichtige Sachen viel zu kurz dargestellt. Damit wird dann natürlich auch viel Lernzeit auf die weniger relevanten Fragestellungen verschwendet, während das Wichtigste zu kurz kommt.

Außerdem lernen einige Studenten Informationen auswendig, die sie sich auch anders und vor allem schneller selber herleiten könnten. Z.B. braucht man keine Prüfungsschemata zu lernen, wenn diese sich problemlos aus dem Gesetzeswortlaut ergeben. Auch Argumente kann man sich oft mit Hilfe der juristischen Auslegungsmethodik selbst herleiten und muss sie in vielen Fällen nicht auswendig lernen.

Anmerkung von Lucas:

Im zweiten Staatsexamen kommt dazu, dass sich vieles aus den Kommentaren ergibt. Hier lohnt es sich, ggf. auch ein bisschen um die Ecke zu denken. So findet man z.B. im Kopp/Schenke bei § 42 VwGO die drittschützenden Normen aus dem Baurecht. Weiterhin kann man aus dem Inhaltsverzeichnis zu einer Norm oft das Prüfungsschema ablesen, wie etwa im Kopp/Schenke bei § 113 VwGO das Schema zur Fortsetzungsfeststellungsklage.

Die wichtigsten Tipps: Lernplanung und Lernstrategien

Lucas Kleinschmitt: Was ist bei der Examensvorbereitung, sei es auf das erste oder das zweite Staatsexamen, das Allerwichtigste?

Dr. Schulz: Meiner Erfahrung nach haben die Leute, die richtig gut sind, eine klare Lernstrategie für sich entwickelt. Sie stolpern nicht in das Examen, sondern wissen ziemlich genau, was sie tun, was sie können und was nicht. Sie erstellen sich z.B. oft zeitliche Lernpläne und bemühen sich aktiv, die besten Lerntechniken zu finden.

Anmerkung von Lucas:

Ein Lernplan ist vor allem dann viel wert, wenn man ihn rigoros umsetzt. Wie du das schaffst, zeige ich Dir in meinem Artikel zur Motivation im Jurastudium.

Die richtig guten sind dauernd dabei, Verknüpfungen, Zusammenhänge und Prioritäten zu suchen. Was sind hier die wichtigsten Probleme, was muss ich unbedingt können, was nicht? Wo habe ich das schon mal gehört?

Ein besonders guter Student hat zum Beispiel in den Vorlesungen bei der Erstellung seiner Notizen ständig versucht, das was er gerade neu hört mit Sachen die er schon kennt in Zusammenhang zu bringen. Alle Zusammenhänge, die er erkannt hat und Vergleiche, die er mit schon gelerntem Stoff gezogen hat, hat er sofort zu seinen Notizen hinzugefügt. Dieser Student hat später auch ein hervorragendes Staatsexamen geschrieben.

Gute Studenten messen auch konsequent ihre Leistungen, korrigieren ihre Lerntechnik wenn etwas nicht klappt und bessern ihre alten Lernaufzeichnungen immer wieder nach, um bessere Prioritäten zu setzen und Verknüpfungen herzustellen. Das kann man z.B. daran sehen, wie gute Studenten mit korrigierten Übungsklausuren umgehen: Sie werfen sie nicht auf irgendeinen Stapel, sondern gehen sie durch und hinterfragen ihren eigenen Text und die Anmerkungen. Bei uns schreiben die Studenten schon früh Examensübungsklausuren, so dass etwaige Defizite rechtzeitig auffallen.

Außerdem suchen die richtig guten Leute sich ganz gezielt Hilfe von außen, wenn sie das Gefühl haben, irgendwo „festzustecken“. Wir haben hier Leute, die kommen zu uns und sagen: ich habe hier nur 11 Punkte, warum nicht 16? Woran liegt das? Das klingt natürlich wie ein Luxusproblem, aber ist in Wirklichkeit genau die richtige Idee. Manchmal ist es einfacher, in dem Fach, das ich wirklich gut kann, noch ein paar Punkte mehr herauszuholen, als die anderen Fächer bis auf das letzte i-Tüpfelchen zu können. Im Examen ist es egal, wo die Punkte herkommen!

Gute Studenten zeigen uns auch ihre Lernunterlagen und ihre Klausuren und wir analysieren dann gemeinsam, ob es an ihrer Lerntechnik oder ihrer Klausurtechnik liegt. Was also auffällt: Die richtig guten Leute verwenden extra Zeit und Mühe auf die Analyse ihrer Arbeit, also ihrer Lernunterlagen und Übungsklausuren. Das zahlt sich aus.

Anmerkung von Lucas:

Ich selbst konnte meine Übungsklausuren durch eine systematische Selbstanalyse deutlich verbessern. In meinem Artikel zum Verbessern deiner Assessorklausuren habe ich diesen Prozess beschrieben.

Der Prozess funktioniert übrigens genauso gut für die Klausuren des ersten Examens. Nur die konkreten Tipps, die ich aus meiner Analyse abgeleitet habe, sind speziell auf das zweite Examen zugeschnitten. Diese solltest du nicht einfach auf das erste Examen übertragen.

Lucas Kleinschmitt: Was sind sonst wichtige Tipps, die Sie Studenten oder Referendaren für die Examensvorbereitung geben würden?

Dr. Schulz: Zum schon Gesagten würde ich Studenten und Referendaren empfehlen, auf die richtige Priorisierung zu achten. Um sich selbst ein Gefühl dafür anzutrainieren, kann man z.B. möglichst viele Klausuren mit der Fragestellung anschauen: „Was kommt immer wieder“? Dazu braucht man die Klausuren ja nicht mal unbedingt durchzulösen. Das ist meiner Erfahrung nach ein sehr effektiver Weg.

Alternativ oder zusätzlich kann man natürlich auch einen guten Juristen fragen, der schon weiter ist als man selbst, oder sich entsprechende Infos vom Repetitor einkaufen, indem man in die entsprechenden Kurse geht. Bei uns hilft insoweit das Examensvorbereitungsprogramm den Studenten, weil wir dort systematisch die wichtigsten Fragestellungen trainieren.

Lucas Kleinschmitt: Ist das auch eine Stärke kürzerer Skripten, dass sie einem eine gute Schwerpunktsetzung vermitteln?

Dr. Schulz: Ja, das ist ein Vorteil kürzerer Lernmaterialien – wenn sie denn selbst die richtigen Schwerpunkte thematisieren. Da finde ich aber, dass eigentlich alle größeren Repetitoren im Grundsatz gute Arbeit mit ihren Lernmaterialien leisten.

Ich halte es in der Regel für besser, weniger Stoff zu lernen, aber das was man lernt, dafür richtig, d.h. mit Verknüpfung, aktivem Lernen und Anwenden, als viel Stoff einfach nur zu konsumieren – denn das merkt man sich dann in der Tendenz langfristig sowieso nicht.

Anmerkung von Lucas: In meinem kostenlosen E-Mail Kurs zum juristischen Lernen zeige ich Dir verschiedene Techniken zum aktiven Lernen, die sich in psychologischen Studien als effektiv erwiesen haben.

Lucas Kleinschmitt: Vielen Dank. Weitere Tipps für die Examensvorbereitung?

Dr. Schulz: Ein guter Trick ist auch, sich die Lernunterlagen und Aufzeichnungen sehr guter Studenten bzw. Referendare anzuschauen und mit den eigenen zu vergleichen. Daraus erkennt man oft Verbesserungspotential in der eigenen Lerntechnik.

Auch wenn man nicht genau weiß, wie gut ein anderer Jurist ist, kann man aus seinen Unterlagen viel lernen. Man muss sich dann aber besonders kritisch damit auseinandersetzen und sich fragen: „Was würde ich denn anders machen“? Alleine dadurch denkt man auch schon ganz anders über den Stoff nach. Man sammelt also nicht nur Ideen für seine Lerntechnik, sondern hat gleichzeitig schon eine Lernschleife, die der Verfestigung und vertieften Erfassung des Stoffes dient.

Und natürlich mit Klausuren lernen. Aber das habe ich ja schon gesagt.

Lucas Kleinschmitt: Wie lerne ich denn am besten mit Klausuren? Soll ich lieber wahnsinnig viele Klausuren lesen, sehr viele Klausuren durchlösen oder viele Klausuren schreiben?

Dr. Schulz: Alles drei funktioniert, ein Minimum an geschriebenen Klausuren ist aber auf jeden Fall erforderlich. Wenn Sie mich fragen, was meiner Erfahrung nach am effektivsten ist, muss ich als Jurist natürlich sagen: Es kommt drauf an.

Es gibt Fälle, da können die Leute von der Technik und den Formulierungen her schnell sehr gut Klausuren schreiben. Dann kann man den Fokus auf das Lesen und Lösen legen. Man muss also immer auf den Einzelfall schauen: Habe ich meine Probleme eher bei der Erstellung der Lösungsskizze oder eher beim Ausformulieren?

Meine persönliche Erfahrung ist Folgende: Wenn ich einmal schreiben kann, brauche ich das Schreiben grundsätzlich nicht mehr als Lernübung. Dann ist das Durchlösen effektiver, weil es weniger Zeit kostet. Ganz aufhören darf man mit dem Klausurenschreiben aber nie, denn sonst kommt man aus der Übung.

Lucas Kleinschmitt: Herr Dr. Schulz, vielen herzlichen Dank.

Sind Anmarkern und Zusammenfassung Zeitverschwendung? Diese Frage beantworte ich in meinem kostenlosen E-Mail Kurs zum juristischen Lernen.

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